Manchmal sitzt du abends auf dem Sofa, neben dir der Mensch, den du liebst, und fühlst dich trotzdem allein. Du hast den Tag organisiert, an alles gedacht und vieles aufgefangen. Gesehen hat es niemand. Vielleicht spürst du einen leisen Groll, der dich selbst erschreckt, und denkst manchmal: Mein ADHS-Partner nervt. Du willst nicht so empfinden, und doch ist das Gefühl da.
Wenn du dich darin wiederfindest, ist das kein Zeichen dafür, dass mit dir etwas nicht stimmt. Viele Menschen, die mit einer Partnerin oder einem Partner mit ADHS leben, kennen diese Gefühle, oft gemeinsam mit dem ständigen Mitdenken, das viele als Mental Load in der Beziehung beschreiben.
Was Betroffene erzählen
In einer qualitativen Studie von 2023 berichteten Partnerinnen von Menschen mit ADHS, dass sie zusätzliche Verantwortung tragen und dafür wenig Anerkennung erhalten [1]. Diese fehlende Anerkennung beschrieben sie als belastend für ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden. Es geht also um mehr als um ein bisschen Ärger über den Abwasch.
Das Gefühl von Einsamkeit in der Beziehung beschreiben viele Paare und Beraterinnen aus ihrer Praxis [2]. Als eigene Größe ist es in Studien zu ADHS-Paaren bisher kaum untersucht. Wir nehmen es hier trotzdem ernst, weil so viele davon erzählen.
Wenn du denkst „Mein ADHS-Partner nervt“: Warum Groll entsteht
Groll wächst langsam. Er entsteht aus vielen kleinen Momenten, in denen du etwas gibst und nichts zurückkommt. Melissa Orlov beschreibt, wie sich in Paaren mit ADHS ein Muster bildet: Eine Person managt, die andere fühlt sich kontrolliert, und beide werden unzufrieden [3].
Für dich ist dabei besonders schwer, dass deine Arbeit oft unsichtbar ist. Wer an den Elternabend denkt, die Steuer vorbereitet und den Kühlschrank im Blick hat, leistet viel. Nur sieht man es selten, solange alles klappt.
Groll ist ein unangenehmes Gefühl. Er ist aber auch ein Signal. Er zeigt dir, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist und dass deine Bedürfnisse zu kurz kommen.
Kleine Zeichen, die Nähe schaffen
Der Paarforscher John Gottman beschreibt in seinen Büchern, wie wichtig kleine Momente der Zuwendung für eine Beziehung sind. Gemeint sind ein Lächeln, ein Danke, eine kurze Frage nach dem Tag [4]. Bei ADHS geht Erledigtes leicht unter, und damit auch die Gelegenheit, es zu bemerken.
Ihr könnt daran gemeinsam arbeiten. Hier sind ein paar Ideen:
- Sag, was du dir wünschst. Die andere Person kann deine Gedanken nicht lesen. Ein Satz wie „Es würde mir guttun, wenn du bemerkst, dass ich die Reise geplant habe“ ist klar und freundlich.
- Macht unsichtbare Arbeit sichtbar. Schreibt auf, was in eurem Haushalt alles anfällt, auch Dinge wie Termine vereinbaren oder Geschenke besorgen. Oft staunt ihr beide, wie lang die Liste wird.
- Bemerkt Erledigtes gegenseitig. Wenn eine Aufgabe erledigt ist, nehmt euch einen Moment für ein kurzes Danke. Das gilt in beide Richtungen.
- Schafft feste Zeiten für euch. Ein Abend in der Woche, an dem es nicht um Organisation geht, kann viel bewirken.
Wie du es ansprechen kannst
Wenn sich Groll angestaut hat, kommt er manchmal als Vorwurf heraus. Das ist verständlich, macht das Gespräch aber schwer. Versuch, in einem ruhigen Moment von dir zu erzählen. „Ich fühle mich in letzter Zeit oft allein mit den vielen kleinen Dingen“ öffnet eine Tür.
Vielleicht ist die andere Person überrascht. Menschen mit ADHS bemerken oft nicht, wie viel nebenbei erledigt wird. Dahinter steckt selten böser Wille. Euer Gespräch ist eine gute Gelegenheit, euch gegenseitig besser kennenzulernen.
Für dich selbst sorgen
Du musst nicht warten, bis die Beziehung dir alles gibt, was du brauchst. Freundschaften, Hobbys und Zeit für dich sind wichtig. Sie geben dir Kraft und lassen dich mit mehr Ruhe auf schwierige Momente schauen.
Wenn du merkst, dass dich die Gefühle dauerhaft belasten, kann ein Gespräch mit einer Beratungsstelle oder einer Selbsthilfegruppe helfen. Dort triffst du Menschen, die Ähnliches erleben. Wie du deine Grenzen freundlich zeigen kannst, beschreibt ein eigener Beitrag.
Wenn es ernst wird
Wenn es bei euch Gewalt gibt, du Angst vor der anderen Person hast oder an Suizid denkst, ist ein Ratgeber nicht der richtige Ort. Auf unserer Seite Krisenhilfe findest du Stellen, die dich beraten. In akuter Gefahr erreichst du die Polizei unter 110 und den Rettungsdienst unter 112. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 1110111 oder 0800 1110222 erreichbar.
Über uns
Wir arbeiten an „Wir“, einer App für Paare, bei denen eine Person ADHS hat. Sie ist dafür gedacht, Aufgaben gemeinsam zu verteilen und in schwierigen Momenten gut miteinander zu sprechen. Mehr dazu findest du auf unserer Startseite.
Dieser Beitrag erklärt und gibt Anregungen für den Alltag. Er ersetzt keine Diagnose, keine Therapie und keine Paarberatung.
Quellen
- „I wish it wasn't all on me“, Disability and Rehabilitation, 2023: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/09638288.2023.2239158
- issho, The ADHD mental load (Erfahrungsbericht, keine Studie): https://www.isshoapp.com/adhd-mental-load/
- Melissa Orlov, Understanding Parent-Child Dynamics in Couples with ADHD: https://www.adhdmarriage.com/content/understanding-parent-child-dynamics-couples-adhd
- John M. Gottman und Nan Silver, Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe, Ullstein, ISBN 978-3-548-37545-8
