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Streit mit dem ADHS-Partner: Wenn eine kleine Bemerkung groß wird

Paar sitzt sich auf dem Teppich gegenüber, hält sich an den Händen und spricht ruhig

Du hast nur gesagt, dass die Jacke noch auf dem Stuhl liegt. Es war beiläufig gemeint, fast schon freundlich. Trotzdem ist die Stimmung in Sekunden gekippt. Die andere Person reagiert heftig, vielleicht laut, vielleicht mit einem harten Schweigen. Und du stehst da und fragst dich, was gerade passiert ist und wie aus einem Satz ein Streit mit deinem ADHS-Partner werden konnte.

Solche Momente kennen viele Paare, bei denen eine Person ADHS hat. Sie sind verwirrend, und sie können dazu führen, dass du irgendwann gar nichts mehr sagen magst. Hier geht es darum, was hinter solchen Reaktionen stecken kann und wie ihr damit umgehen könnt. Eine Möglichkeit ist eine vereinbarte Pause im Streit, die ihr in ruhigen Zeiten gemeinsam absprecht.

Streit mit dem ADHS-Partner: Gefühle, die schneller hochkommen

Bei vielen Erwachsenen mit ADHS kommen Gefühle schneller und stärker hoch, und sie brauchen länger, um sich wieder zu legen. Fachleute sprechen von emotionaler Dysregulation. Eine Meta-Analyse aus 13 Studien fand hier große Unterschiede zwischen Erwachsenen mit und ohne ADHS [1]. Eine Übersicht im American Journal of Psychiatry berichtet aus einer Studie, dass 65 % der Erwachsenen mit ADHS angaben, schnell wütend zu werden. In der Vergleichsgruppe waren es 6 % [2].

Emotionale Dysregulation gehört nicht zu den offiziellen Diagnosekriterien. Eine systematische Übersicht diskutiert sie aber als mögliches Kernmerkmal von ADHS [3]. Für den Alltag heißt das: Eine starke Reaktion ist bei ADHS häufig und gut untersucht. Sie sagt nicht automatisch etwas darüber, wie schlimm deine Bemerkung war.

Und was ist mit RSD?

Vielleicht bist du im Internet auf den Begriff RSD gestoßen. Er steht für „Rejection Sensitive Dysphoria“, also eine besonders starke Empfindlichkeit für Zurückweisung. Der Begriff stammt von dem Psychiater William Dodson. Er ist weder im DSM-5 noch in der ICD-11 enthalten [4]. Die Forschung dazu ist bisher schmal: eine Fallserie mit vier Fällen, eine kleine qualitative Studie und ein angemeldetes Review, dessen Ergebnisse noch ausstehen [4][5][6].

Viele Menschen mit ADHS erzählen trotzdem, dass sie Kritik sehr stark treffen kann. Diese Erfahrung ist ernst zu nehmen. Wir sprechen hier lieber von einer Empfindlichkeit für Kritik, weil das vorsichtiger ist und niemandem ein Etikett gibt. Wie sich diese Empfindlichkeit für Kritik bei ADHS im Alltag zeigen kann, etwa bei Erinnerungen, schildert ein Beitrag für Menschen mit ADHS.

Was du daraus mitnehmen kannst

Eine heftige Reaktion zu verstehen heißt nicht, dass du sie hinnehmen musst. Du darfst Dinge ansprechen. Deine Wünsche haben genauso Platz in der Beziehung. Es geht eher um das Wie und das Wann.

  • Erst die Beziehung, dann die Sache. Ein Satz wie „Ich bin gern mit dir zusammen, und mir ist etwas aufgefallen“ kann den Boden bereiten. Das ist ein Praxistipp ohne eigene Studie, viele Paare machen damit aber gute Erfahrungen.
  • Wähle einen ruhigen Moment. Zwischen Tür und Angel oder wenn einer von euch erschöpft ist, wird es schneller laut.
  • Sprich von dir. „Ich wünsche mir, dass die Jacke an den Haken kommt“ klingt anders als „Du lässt immer alles liegen“. Wörter wie „immer“ und „nie“ machen Gespräche oft schwerer.
  • Vereinbart ein Zeichen für eine Pause. Wenn ein Gespräch zu hitzig wird, hilft eine kurze, vorher abgesprochene Pause. Das Gottman Institute empfiehlt mindestens 20 Minuten und eine feste Zeit, zu der ihr weiterredet [7].

Wenn es dich selbst trifft

Auch du darfst getroffen sein. Wenn auf eine kleine Bemerkung ein Sturm folgt, fühlt sich das ungerecht an. Vielleicht wirst du selbst laut oder ziehst dich zurück. Das ist eine normale Reaktion. Gönn dir nach so einem Moment etwas Ruhe, bevor du weiterredest.

Später kann es helfen, gemeinsam auf die Situation zu schauen. Was ist bei dir passiert, und was bei der anderen Person? Oft zeigt sich dabei, dass ihr beide etwas anderes gehört habt, als gesagt wurde. Diese Erkenntnis kann entlasten.

Wann ihr Unterstützung holen solltet

Wenn eure Streits regelmäßig eskalieren oder du Angst vor der anderen Person bekommst, ist das ein wichtiges Zeichen. Dann ist es Zeit für Unterstützung von außen, zum Beispiel in einer Paarberatung. Bei Gewalt oder Bedrohung findest du weiter unten Stellen, die dir sofort helfen.

Wenn es ernst wird

Wenn es bei euch Gewalt gibt, du Angst vor der anderen Person hast oder an Suizid denkst, ist ein Ratgeber nicht der richtige Ort. Auf unserer Seite Krisenhilfe findest du Stellen, die dich beraten. In akuter Gefahr erreichst du die Polizei unter 110 und den Rettungsdienst unter 112. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 1110111 oder 0800 1110222 erreichbar.

Über uns

Wir arbeiten an „Wir“, einer App für Paare, bei denen eine Person ADHS hat. Sie ist dafür gedacht, Aufgaben gemeinsam zu verteilen und in schwierigen Momenten gut miteinander zu sprechen. Mehr dazu findest du auf unserer Startseite.

Dieser Beitrag erklärt und gibt Anregungen für den Alltag. Er ersetzt keine Diagnose, keine Therapie und keine Paarberatung.

Quellen

  1. Meta-Analyse zur Emotionsregulation bei Erwachsenen mit ADHS, BMC Psychiatry 2020: https://link.springer.com/content/pdf/10.1186/s12888-020-2442-7.pdf
  2. Shaw et al., Emotion Dysregulation in ADHD, American Journal of Psychiatry: https://www.psychiatryonline.org/doi/10.1176/appi.ajp.2013.13070966
  3. Systematische Übersicht zur Emotionsdysregulation als Kernsymptom, PLOS One: https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371%2Fjournal.pone.0280131
  4. PROSPERO, angemeldetes Review zu RSD: https://www.crd.york.ac.uk/PROSPERO/view/CRD420250638010
  5. RSD Fallserie: https://www.actascientific.com/ASNE/pdf/ASNE-07-0762.pdf
  6. Qualitative Studie zu Zurückweisungsempfindlichkeit, PLOS One: https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371%2Fjournal.pone.0314669
  7. Gottman Institute zu Flooding und Pausen: https://www.gottman.com/blog/manage-conflict-part-4/
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